Eröffnungsrede zur Ausstellung von Kurt Buchwald am 4.9.2018 in der Galerie Pankow

Limes Mundi

Die Umkehrung der Sicht

   

"Sich an der Grenze des Wahrnehmbaren befinden" und von dorther Botschaften an das geneigte oder verstörte Publikum zu senden, ist ein - wenn nicht DAS - Credo von Kurt Buchwalds künstlerischer Tätigkeit als Fotograf, Aktionist und Performer.
In dieser Ausstellung wird das besonders deutlich anhand von Werkkomplexen und Dokumentationen, von happeningartigen performativen Aktivitäten sowie optischen Experimenten, entstanden während der letzten vierundzwanzig Jahre, also aus fast einem Vierteljahrhundert.
Dabei geht es nicht gemütlich oder gar gefällig zu. Erwartungen des vordergründig Schönen, einer gar ästhetizistischen Verdrängung des Abgründigen sowohl der physikalischen als auch der sozialen Realitäten werden nicht bedient. Idyllen wie bloß heiter Kurioses, amüsant Unterhaltsames in der üblichen Art eines "Kunst-Gags" werden nicht angeboten. Es herrscht eine gewisse Strenge - und auch "Gnadenlosigkeit"! - beim Überschreiten des Zumutbaren und Gewohnten. Das ist kunstgeschichtlich nicht neu: Befremdliches, vor allem die besagten Abgründe der Welt, des menschlichen Daseins in seinen inneren und äußeren Aspekten war immer Gegenstand, Thema und Sujet der Kunst von ihren Anfängen an. Dies alles erreichte dann aber zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit Dada und Surrealismus einen Höhepunkt der Selbstreflexion. Der Fotograf Buchwald - in Kenntnis dessen - bringt diese Methodik auf die Höhe der Zeit, also in die Gegenwart des digitalen Zeitalters, in die Epoche der historisch gesehen erst seit Kurzem stattfindenden omnipräsenten Reizüberflutung, einer Inflation der Bilder, Zeichen, Signale. Es sind Botschaften in visueller Hinsicht, aber darüber hinaus wohl alle Sinne betreffend, also auch der Klänge - vielmehr der Geräusche, des Lärms -, der Gerüche - respektive des Gestanks - und Geschmäcker etc. Dabei wird Buchwald sowohl zum strengen Analytiker als auch zum sensitiven Romantiker. Er "kippt das Kind nicht mit dem Bade aus", spürt die komplexen Geschehnisse, die während der Wahrnehmung all dessen, was uns bedrängt und begeistert, fasziniert, befremdet und abstößt, in und zwischen uns stattfinden - und damit einem jeden die jeweils eigne Identität verleihen. Kurt Buchwald gehört gerade noch einer Generation an, die sich ein natürliches Misstrauen gegenüber der heute immer dominanter werdenden "virtuellen Realität" bewahrt hat - jener künstlichen, synthetisch-sterilen medialen Wirklichkeit, der die Jüngeren auf eine scheinbar unumkehrbare Art ausgeliefert sind. Aus dieser noch "geerdeten" Mentalität heraus leistet er spöttisch Widerstand, führt vor in welche selbstbetrügerischen- und zerstörerischen Sackgassen sowohl in technologischer wie auchsozial-kultureller und politischer Hinsicht diese Entwicklungenführen können. Dennoch ist er kein bloßer Empörer, gar klassischnaiver Weltverbesserer,
sondern vielmehr ein - auch im unmittelbaren (Bild-) Sinne - "Himmelsstürmer":

 

  Einer der vom "Rande der Welt", über deren Grenzen hinaus, zu neuen Horizonten gelangen möchte. Er tut das mittels einer "Umkehrung der Sicht" - wie auch der Untertitel der hiesigen Ausstellung lautet - indem er dem Wahrnehmungsvermögen wie der Vorstellungskraft neue ungewohnte Orientierungen und Ziele bietet. Das Große wir verkleinert oder verstellt, das Kleine vergrößert bis es als eine ganz eigne Welt erscheint. Die Mittel dafür sind minimalistisch, stilsicher und hochästhetisch. Die Tondi der Renaissance erscheinen als die adäquate Form um die diffizile Struktur von Elementarzuständen sicht- und vergleichbar zu machen. Die Kreisform erinnert sowohl an Petrischalen, die irgendwelche Bakterienkulturen beherbergen, also in Instituten der biochemischen Grundlagenforschung zum Standardanblick gehören, oder auch an Abbildungen in astronomischen Katalogen und Atlanten. Die verschiedene Zustände, Phasen, Anblicke von Himmelkörpern - Fixsternen, Planeten, Monden und ihre wechselnden Formationen zeigt der Künstler in ihrer unglaublich ästhetischen Schönheit. Das alles ist aber tatsächlich nur ein Vexierspiel, welches die Grenzen unserer Wahrnehmung austestet, uns bewusst machen will, wie viel - oder wie wenig - "Wahres" in der "Wahr-Nehmung" steckt! Das heißt, ständig zu testen, wie sehr wir eigentlich im Interesse des Selbsterhalts unseren Sinnen, speziell den Augen, trauen - oder nicht - können und mit dem Verstand, der logischen Rekonstruktion des Beobachteten "nachjustieren", sprich: korrigieren müssen. Buchwald weiß darum; ganz speziell, dass auch das fotografische Abbild nur einen einzelnen, weil perspektivischen Aspekt des Abgebildeten, des Motivs, Sujets, Gegenstandes aufzeigt. Das Zeichen ist also nie mit dem Bezeichnetem identisch - obwohl (fast) alles Soziale auf diesen Identifikationen beruht. Genau hier baut der Künstler seine "Störungen", Verstellungen und Blockaden der vertrauten Wahrnehmungsmuster ein und auf. In dieser Ausstellung sind das die "Portraits am schrägen Spalt" des "Amtes für Wahrnehmungsstörung" - einem quasidadaistischen Projekt Buchwalds - von 1994 oder die "Kippbilder" aus Marseille, Arles, Rom von 2013, die Aufmerksamkeit und Wahrnehmungsvermögen austesten und auf die Probe stellen. Durch eine "Umkehrung der Sicht" mittels des Blicks durch eine Röhre, einen Kasten oder das Verstellen durch eine Blende, welche unscharf vor dem - scharf gestellten - eigentlichen, aber teilweise verborgenen Motiv steht, findet eine Neubewertung des Objekts statt: Es wird dem Betrachter durch Verfremdung "nahegebracht", durch Undeutlichkeit wird etwas klar - wir sehen "den Wald vor lauter Bäumen" wieder! Da sich Kurt Buchwald auch schon immer für naturwissenschaftliche, speziell physikalische Forschung interessierte, sind das alles auch Aktivitäten mit experimentellem Charakter.
   

Gabriele Muschter